Die goldenen Regeln für schlechtes Ministrieren

Diese Regeln sollten alle die beherzigen, die sich um schlechten Ministrantendienst verdient machen wollen. Sie eignen sich vorzüglich, Ministranten in schlechtem Licht stehen zu lassen, zu demotivieren und letztlich ihre Zahl zu verringern.

Ich bedanke mich bei all denen, die mir während meiner (Ober-)Ministrantenzeit durch ihr Beispiel die Ideen zu diesem Werk lieferten.

1. Sei nie pünktlich!

Die Anderen warten sehr gerne auf dich und brennen sogar darauf, dir in der Hoffnung auf dein Erscheinen vorsorglich die Sachen bereit zu legen. Und von fünf Minuten späterem Messbeginn ist schließlich noch keiner aus der Kirche ausgetreten.

2. Trage dich nicht im Ministrantenplan ein!

Der Oberministrant liebt Überraschungen. Du kannst dich ja auch nur sehr schwer eintragen lassen, da dies ein umfangreiches Antragsverfahren erfordert und die Ministrantenstunden so selten sind. Außerdem hilfst du so, dass wertvolle Kugelschreiber- und Druckerfarbe für den Ministrantenplan gespart werden und trägst so zu Umweltschutz und Schonung der Ministrantenkasse bei.

3. Sei am Altar hektisch!

Wenn du zu spät losgehst, kannst du das locker durch einen kurzen Sprint wieder aufholen. Beschwere dich beim Küster, wenn keine Startblöcke vorhanden sind! Es soll schließlich keiner denken, dass du in Sport nur eine 2+ hast. Hastige Bewegungen und wehende Kleidung bestätigen der Gemeinde dein großes Engagement.

4. Wenn der Oberministrant dir einen Dienst gibt, frag, ob er wirklich dich meint!

Der Oberministrant meinte, auch wenn er dich angesprochen hat, sicher jemand anderen. Schließlich ist er ja schon recht betagt und findet sich nicht mehr so gut zurecht wie du. Wie sollte er auch ausgerechnet auf dich kommen, wo es doch so viele machen könnten? Geh dem Oberministranten so lange auf die Nerven, bis er wegen deiner erwiesenen Begriffsstutzigkeit einen anderen Ministranten nimmt. Schließlich bist du nur für die spannendsten Dienste gekommen, und hast ein Recht, dir deine Dienste persönlich auszusuchen!

5. Wenn andere Fehler machen, weise sie auffällig zurecht!

Erstens macht du selbst nie Fehler, und zweitens merken die anderen Ministranten und die Gemeinde nur so, dass du es voll drauf hast. Der den Fehler gemacht hat, hätte es ja sonst auch nie bemerkt und wird es dir danken. Eine späteres Oberministrantenamt wartet auf dich.

6. Sei stets unzuverlässig!

Wenn du öfter mal einfach nicht erscheinst, bringst du mehr Leben in die Ministrantenplanung. Der Oberministrant trainiert so seine Flexibilität und hat bessere Chancen im späteren Berufsleben. Nebenbei trägst du dazu bei, dass es im Altarraum übersichtlicher wird. Nur wenn du nicht da bist, können die Anderen sehen, was ihnen an dir verloren geht.

7. Sei nie andächtig!

Warum starr und steif stehen, wenn es ganz locker doch viel bequemer ist? Am besten, du zappelst ständig herum, denn Bewegung hält fit. Und die Kindergartenkinder aus der ersten Reihe können doch auch stehen, wie sie wollen, und denen sagt der Oberministrant auch nichts! Bewunderung bei ihnen ist dir auf Jahre sicher!

8. Falte deine Hände nie und wenn doch, dann anders als alle Anderen!

Andacht und Würde sind doch von vorgestern. Warum sollen beim Händefalten die Hände frieren, wo es in der Tasche viel wärmer ist? Und warum alles so machen, wie alle Anderen. Bei dir wird der Oberministrant sicher gern beginnen, Ausnahmen zu machen. Gemeinschaft und Zusammenhalt leben schließlich davon, dass jeder sein Extrawürstchen brät. Und schließlich ist es ja völlig wurst, wie man die Hände faltet; es sei denn, du selbst sollst dich anpassen.

9. Wenn der Oberministrant dich etwas holen schickt, frag immer zurück, ob sofort!

Besonders wenn die Sache offensichtlich sofort gebraucht wird, reicht es immer, erst später loszugehen. Sicher wollte der Oberministrant nur ein Vergleichsexemplar von dem gesuchten Gegenstand, das reicht dann ja auch später, und er hat Zeit dir das genauer zu erläutern. Oder er wollte dein Langzeitgedächtnis testen und wird dich in Zukunft nun sicher für sehr zuverlässig halten. Wenn es wirklich wichtig wäre, würde er doch schließlich selber gehen.

10. Wenn du woanders hinkommst, mach alles so, wie du es gewohnt bist!

Nur dein Stil ist der einzig wahre. Alle anderen haben nichts drauf. Örtliche Gegebenheiten und Traditionen sind egal. Sollen die doch ihre Kirche umräumen, damit sie sehen können, wie du deine Visionen und Gewohnheiten auslebst. Denn dann werden sie einsehen, dass sie jahrelang alles falsch gemacht haben. Alle werden von dir begeistert sein und deinen Stil umgehend übernehmen.

11. Hinterlasse die Ministrantenkleidung immer unordentlich!

Wenn du mit dem Ministrieren fertig bist, wirf die Kleidung am besten gleich von der Sakristeitür in die Schränke. Denn du bist ja ein vielbeschäftigter Mensch und kannst deine wertvolle Zeit nicht mit dem ordentlichen Weghängen der Kleidung verschwenden. Solch niedere Dienste können ja wohl andere machen. Denn Ministranten lieben das Abenteuer und suchen vor der Messe gern länger nach passender Kleidung. Außerdem werden deine Zielkünste von allen bemerkt, und beim Wählen für die Basketballmannschaft bist du immer als Erster dran.

12. Äußere dich gegenüber deinen jüngeren Geschwistern immer abfällig über den Ministrantendienst!

Schließlich können die sich ja noch kein eigenes Bild machen und sind auf deine Hilfe bei der Meinungsbildung angewiesen. Außerdem freut der Oberministrant sich immer, wenn er deine Vorurteile bei deinen Geschwistern vervielfältigt sieht. So weiß er schon vorher, welches Erstkommunionkind er gar nicht erst zu fragen braucht.

13. Ministriere nur, wenn deine älteren Geschwister auch ministrieren!

Wenn die Mami schon nicht mit nach vorn kommen darf, soll ja wenigstens irgendwer auf dich aufpassen. Schließlich bist du ja noch ein Kleinkind und brauchst ständige Zuwendung. Sonst würdest du schwere psychische Störungen davontragen, und es müsste später eine Türkollekte für deine Therapiestunden erhoben werden. Außerdem erinnern dich die Geschwister viel lieber an deinen vergessenen Dienst, wenn du mal wieder keine Ahnung hast.

14. Ministriere nur sonntags, wenn du sowieso gekommen wärst!

Werktags ministrieren nur Leute, die Langeweile haben. Schließlich bist du etwas Besonderes und musst entsprechend behandelt werden. Wenn in der Woche zur Gottesdienstzeit eine wichtige Serie läuft, bist du selbstverständlich verhindert.

15. Komm nie zur Ministrantenstunde!

Nur wenn du dich rar machst, werden die Anderen deine Anwesenheit richtig zu schätzen lernen. Damit das auch sicher klappt, besorg dir einen anderen Termin zur gleichen Zeit. Oder geh zum Friseur oder Schuhe kaufen. Zur Zeit der Ministrantenstunde gibt es erfahrungsgemäß die besten Rabatte. Wenn du doch mal kommst, such dir die Ministrantenstunden raus, wo gespielt wird. Üben hast du ja nicht nötig, weil du alles bereits kannst und weißt.

16. Ministriere nicht zu großen Festen!

Wenn alle außer dir da sind, geht es doch auch noch. Denn die großen Feste kommen immer sehr überraschend und können daher in deine umfangreichen Planungen nicht mehr einfließen. Große Feste kann man auch mit wenigen Ministranten feiern, man muss nur flexibel sein. Sollen sich die Anderen doch freuen, dass sie sich nicht mit Kreuz, Leuchter und Weihrauch abmühen müssen, weil sie zu wenig Ministranten sind.

17. Ministriere selten und beanspruche dann aber immer die besten Dienste!

Quantität für die Anderen, Qualität für dich. Alle werden dir lange Zeit dankbar sein, dass du ihnen behilflich bist und ihnen die begehrtesten Dienste abnimmst. Voll Freude werden sie die Dienste übernehmen, die sie auch sonst sowieso immer machen können, wenn du unterfordert wärst und daher Anderen das Feld überlässt.

18. Lege dich mit dem Oberministranten an!

Besonders wenn vor allem jüngere Ministranten anwesend sind, lass dir nichts sagen! Der Oberministrant wird dir immer sofort nachgeben. Besonders, wenn du sonst nur selten ministrierst, wartet er auf deine Einwände, die du dir auf Grund deiner in Abwesenheit erworbenen Kompetenz erlauben darfst. Teste voll aus, wie weit du gehen kannst. Wenn er das nicht verträgt, sollen sie doch nächstes Mal gleich dich nehmen. Du wirst dir große Verdienste in Sachen guter Atmosphäre in der Gruppe erwerben. Auch fünf Minuten vor dem Gottesdienst muss noch Zeit für eine ausführliche Diskussion sein, wir leben schließlich in einer Demokratie.

19. Verzichte auf den Besuch von Proben!

Alles wird so wie im letzten Jahr sein. Oder vor zwei, falls du letztes Jahr gerade nicht konntest. Der Oberministrant wird schon rauskriegen, ob du kommen wirst oder nicht, spätestens beim Einzug. Wenn weniger zur Probe sind, kann sich der Oberministrant viel konzentrierter mit ihnen befassen.

20. Nutze Ministrantenkleidung alternativ!

Ministrantenkleidung ist kostengünstig und an jeder Ecke erhältlich. Deshalb sollte sie nicht nur sinnlos in den Schränken herumhängen. Dass sie eigentlich dem liturgischen Dienst am Altar vorbehalten ist, daran halten sich doch nur Spießer. Deshalb: Her damit und jederzeit als Verkleidung tragen! Besonders geeignet sind schneeweiße Rochetts als Ganzkörperkostüm für Kleinkinder. Auch andere liturgische Gegenstände können jederzeit anderweitig benutzt werden. Es wird sich schon irgendwer kümmern, falls die Sachen dreckig oder beschädigt werden. Kleidung mit Löchern war auch schon mal modern.

21. Sei außerhalb des Dienstes das genaue Gegenteil wie innerhalb!

Sobald der Dienst am Altar beendet ist, benimm dich, als ob du aus der Irrenanstalt ausgebrochen wärst. Alle sollen auch deine andere Seite kennen lernen und werden dir die Ernsthaftigkeit deines Dienstes viel eher abnehmen. Dein schauspielerisches Talent wird bald erkannt und dir den Einstieg in eine der heißgeliebten Seifenopern ermöglichen.

22. Verhalte dich gegenüber jüngeren Ministranten überheblich und abweisend!

Sie werden dich in guter Erinnerung behalten und dir nacheifern. Auch werden sie dann viel lieber ministrieren und auch bei den noch Jüngeren eifrig Werbung machen.

23. Ministriere nur, wenn deine Freunde ministrieren!

Nur so gewinnst du neue Freunde hinzu. Cliquenbildung hilft immer, den Zusammenhalt aller zu stärken. Außerdem kannst du während der langweiligen Predigt, die sich an alle außer dich richtet, viel besser quatschen und über Andere ablästern.

24. Höre bei Ansagen des Oberministranten nie zu!

Der Oberministrant wiederholt gern noch einmal alles für dich persönlich. Oder du lenkst während der Ansage noch jemanden ab, dann seid ihr schon zu zweit. Ansonsten gilt immer: Du weißt bereits alles, und wenn doch nicht, kannst du immer noch vorn am Altar die neben dir fragen oder warten, bis dir jemand Zeichen gibt. Selbstständigkeit ist was für die Großen, und wenn du groß bist, helfen dir die Kleinen.

25. Petze beim Oberministranten die Fehler der Anderen!

Da der Oberministrant während der heiligen Messe grundsätzlich schläft, ist er auf deine Hinweise sehr angewiesen. Du erwirbst dir damit bei allen tiefen Respekt und große Anerkennung, da sie erkennen werden, dass du als Einziger begriffen hast, worauf es beim Ministrantendienst wirklich ankommt: Ausschließlich die genaueste Einhaltung sämtlicher in der Ausbildung gelernter Regeln. Da nur du diese Punkt für Punkt befolgst, wird der Oberministrant dich bald als seinen Nachfolger vorschlagen.

26. Zeige Gastpriestern, was du drauf hast!

Gastpriester haben gefälligst alles genau so zu machen, wie du es gewohnt bist. Besondere Aufmerksamkeit ist daher nicht notwendig. Sollte der Gastpriester sich das Recht herausnehmen, von deinen Gewohnheiten abzuweichen, bring ihm alles noch während des Gottesdienstes bei, damit er wenigstens beim nächsten Mal in zwei Jahren Bescheid weiß.

27. Ministriere mit dreckigen Schuhen!

Die Schuhe sieht man ja kaum unter dem Rock, und schließlich sollen die Leute beten und nicht deine Schuhe angucken. Die Messen sind immer so überraschend, dass du vorher natürlich keine Zeit mehr zum Putzen findest, und Schuhcreme soll ja auch ganz schön teuer geworden sein.

28. In der Sakristei muss Stimmung sein!

Erzähle in der Sakristei laut und lebhaft deine Erlebnisse aus der vergangenen Woche, besonders aus der Schule. Alle brennen darauf, am Wochenende etwas über deine Schule zu hören. Nebenbei trägst zu dazu bei, dass die Gemeinde die Anzahl der Ministranten schon vorher raten kann. Auf den Gottesdienst kann man sich auch noch konzentrieren, wenn er begonnen hat.

29. Wasche deine Hände nicht vor dem Ministrieren!

Seife ist gefährlich und glitschig. Am Ende rutscht dir noch ein Kännchen aus der Hand. Der Priester muss ja keine Angst vor dir haben, er hat ja noch die Händewaschung. Die Spuren auf den Rochetts beweisen besonders den ehrenamtlichen Wäscherinnen, wie fleißig du ministrierst.

30. Beobachte die Leute bei der Kommunion!

An deinen Blicken werden alle erkennen, wie sehr du ins Gebet nach der Kommunion vertieft bist. Außerdem fühlen sie sich sehr wohl, wenn sie sich bei dem persönlichen Moment des Kommunionempfangs durch dich beobachtet wissen. Falls du Zahnarzt werden willst, kannst du schon im deinem jungen Alter den Zahnstatus der Gemeinde verfolgen.

31. Nutze die Zeit der Kommunionspendung an die Gemeinde zum Quatschen!

Da die Leute von der Kommunion abgelenkt werden, gibt es keinen Grund, auf ein Gespräch unter aller Augen zu verzichten. Es dauert nach der Kommunion ja auch noch sehr lange bis zum Ende der heiligen Messe, und danach seht ihr euch ja nicht mehr.

32. Bring zur Ministrantenstunde Gameboy oder Sammelkarten mit!

Der Oberministrant wird sich freuen, wie sehr du dich für das Thema interessierst, da du ja parallel dazu spielen kannst. Du wirst dich damit gut in die Gemeinschaft einfügen, zumal du deine Privatspielchen nur in der Ministrantenstunde ausprobieren kannst.

33. Probiere bei Ministrantenveranstaltungen deinen Laserpointer aus!

Versäume vor allem nicht das wissenschaftliche Experiment, einem Jüngeren damit ins Auge zu leuchten. Denn es ist ja völlig unbekannt, wie gefährlich das ist. Auch deine Eltern freuen sich, wenn sie das Gerät sonntags aus den Händen des Oberministranten zurück erhalten, nebst Post von den Eltern des verletzten Kindes. Außerdem gibst du dem Oberministranten einen Anlass, mal wieder die Rechtslage für Gruppenleiter in Sachen Unfälle und Aufsichtspflicht zu studieren, damit er auch die schönen Seiten des ehrenamtlichen Dienstes kennen lernt.

34. Zieh zum Ministrieren Sportschuhe in leuchtenden Farben an!

Auch zum Ministrieren sollst du auf deine persönliche Note nicht verzichten. Schließlich bist du eine Super-Sportskanone, und das sollen auch alle sehen. Die Schuhe sind doch das Einzige, was nicht von der Ministrantenkleidung verdeckt wird. Schuhe, die dem festlichen Charakter einer heiligen Messe entsprechen, sind daher für dich völlig unangebracht, zumal sie ja viel zu teuer sind, und du bist noch im Wachstum.

35. Schau während der Messe ständig auf die Uhr!

Nur wer immer weiß, wie spät es ist, kann abschätzen, ob er noch rechtzeitig zum Sandmännchen zu Hause ist. Um sicher zu gehen, frag am besten den Oberministranten gleich nach dem Einzug, wie lange die Messe noch geht. Und ganz wichtig: Lass deine Uhr piepsen! Zur vollen Stunde und wann du los musst. Piepse-Uhren waren schon in den Achtzigern unter Viertklässlern der letzte Schrei. So wie du ist kaum einer zu allen Tageszeiten eingespannt. Alle Anderen werden von deiner vollen Konzentration auf das Messgeschehen angesteckt.

36. Lass dein Handy beim Ministrieren an!

Wer sich die Segnungen des modernen Kommunikationszeitalters wie du leisten kann, der soll auch ständig erreichbar sein. Alle werden neidisch sein, wenn du selbst während der heiligen Messe gleich zwei wichtige Anrufe erhältst. Außerdem kann sich die Gemeinde mit den neuesten Klingeltönen vertraut machen und kommt gleich nach dem Gottesdienst zu dir, um zu fragen, wo es die gibt.

Fazit

Wenn du alle diese Regeln stets streng ignorierst, bist du ein guter Ministrant, und so sollte das auch sein und bleiben! Viel Freude und Eifer beim Ministrieren wünsche ich allen, die diesen Text gelesen haben und sich nur selten erkannt haben!